Immerhin erhalten sie den größten Teil der nötigen Rechte gratis zugeteilt, aber meist bleibt ein Rest, den sie kaufen oder ersteigern müssen. Rechte ausgeben, schmälert ihren Gewinn. Deshalb beginnt schon jetzt das große Gejammer. Die Kalkindustrie etwa schätzt, dass die Unternehmen 20 Prozent an Zertifikaten zukaufen müssen.
Dann sind sie zur Winterpause gezwungen. Auch die deutsche Stahlindustrie zeichnet die Zukunft in düsteren Farben. der Beschluss geht völlig an den industriellen Realitäten vorbei.
Mag sein, dass manche Prozesse etwa beim Stahlkochen weitgehend ausgereizt sind, da lässt sich die Effizienz kaum mehr erhöhen. Der Manager, bekleidet mit Schutzanzug und Sicherheitsbrille, steht in der Werkhalle, in sicherer Distanz zum Konverter, einem feuerfesten Behältnis, in dem 165 Tonnen Roheisen goldgelb glühen. Ein Spezialfahrzeug fährt vor und kippt flüssigheißes Ferromangan hinein. Ein Dutzend weitere Stoffe folgen, Bor, Aluminium, Anthrazitkohle. Jede Stahlsorte hat ihre Rezeptur.
Dazu halten die Techniker nämlich nicht einfach ein Messgerät in den Schornstein, das wäre viel zu unpräzise. Sie wiegen vielmehr jede einzelne Ladung, die per Lkw oder Bahnwaggon nach Völklingen geliefert wird, und ermitteln anhand ihres spezifischen Kohlenstoffgehalts die Menge an CO2. An Manganmetallen hat Saarstahl beispielsweise 27 133 Tonnen im vergangenen Jahr verarbeitet. Sie sind für 4555 der rund 480 000 Tonnen CO2 verantwortlich, die das Werk emittiert.
Da aber der Kohlenstoffgehalt mit jeder Lieferung schwankt, nehmen Laboranten fortwährend Proben und unterziehen jede einer chemischen Analyse. und tragen zu einem enormen Wust an Daten und Proben bei, die sie zudem archivieren müssen: für die Sachverständigen, die einmal im Jahr alle Ergebnisse verifizieren. Bundesweit haben sich bereits mehr als 200 Unternehmen auf die Kontrolle von Emissionsberichten spezialisiert. Sie untersuchen die Anlagen vor Ort, rechnen die Ergebnisse nach und lassen sich im Zweifel sogar Belege über einzelne Lieferungen vorlegen. ausspricht, ist gleichsam das Nervenzentrum des Systems.
In Berlin prüfen die Beamten die Emissionsberichte, für jede Anlage führen sie ein eigenes Konto, auf dem die Zertifikate verbucht sind. Sie bestimmen, wie viele Rechte sie jeweils zuteilen, und sie verhängen Strafen, falls zum Stichtag Ende März eines Jahres die Rechnung nicht aufgeht: Jedes fehlende Zertifikat kostet 100 Euro Strafe. alles nur noch blinkende Zeichen auf Computermonitoren. Jürgen Nantke erkennen lässt: Hinter seinem Schreibtisch türmen sich Aktenberge. Nantke, diplomierter Chemiker, leitet die Behörde schon seit dem Start des Emissionshandels. In kürzester Zeit habe man Ende 2004 das System zum Laufen gebracht.
Einen ähnlichen Kraftakt erwartet er für das kommende Jahr, wenn das Zuteilungsprocedere für die dritte Handelsphase geklärt wird. Sie werden von allen Unternehmen neue Daten über Produktion und Emission einfordern und prüfen. Kommission hat die Menge bereits europaweit auf etwas mehr als zwei Milliarden Berechtigungen begrenzt, exakt sind es 2 039 152 882 für das Jahr 2013. September 2011 muss die Berliner Behörde eine Liste mit sämtlichen Anlagen und den vorgesehenen Zuteilungsmengen nach Brüssel geschickt haben, Anfang 2012 will die Kommission die Dokumente absegnen.
Dann endlich können die Unternehmen exakt kalkulieren, wie viele Zertifikate sie noch zukaufen müssen. Ohne Konflikte wird das Ganze kaum über die Bühne gehen. mal Widerspruch gegen Entscheidungen der DEHSt ein. Das Justitiariat in Berlin, das anfangs nur drei Stellen vorsah, beschäftigt heute zehn Kräfte. Die Fachjuristen werden auch künftig gut zu tun haben. Es beginnt schon mit der Frage, wer überhaupt am Emissionshandel teilnehmen muss.
Weder ist die Landwirtschaft einbezogen noch die Forstwirtschaft. Auch der Immobiliensektor benötigt keine Zertifikate, ebenso wenig das Kleingewerbe und der Kraftverkehr. Unter dem Strich bleibt etwa die Hälfte aller Emissionen, die in den Himmel über Deutschland geblasen werden, vom Handel ausgenommen. Ein anderer Konstruktionsfehler ist, dass bei der Zuteilung der Gratiszertifikate eine wichtige Rolle spielt, welche Mengen ein Betrieb produziert hat. Pech für Glashersteller, deren Anlagen zufällig gerade im Referenzzeitraum gewartet wurden: Alle 10 bis 15 Jahre steht eine sogenannte Wannenrevision an, die bis zu drei Monate dauert.
Was den Unternehmen ebenfalls Kopfzerbrechen bereitet: Künftig sollen Unternehmen, die expandieren wollen, nur Anspruch auf Extrazertifikate bekommen, wenn sie ihre Kapazitäten gleich um mehr als zehn Prozent ausweiten. oder verzichtet dann womöglich lieber ganz auf die Investition. So wird der Emissionshandel zur Wachstumsbremse. Die deutschen Unternehmen müssen sich auf einiges gefasst machen, die wenigsten sind darauf vorbereitet. Allmählich erst werde vielen Mittelständlern bewusst, welche Kosten und Risiken auf sie zukommen könnten, sagt die Berliner Energierechtlerin Ines Zenke.
Viele seien richtig geschockt, einige sähen ihr Unternehmen sogar existentiell gefährdet, so die Juristin. Hilfe versprechen Beratungsfirmen, die für ihre Kunden den gesamten Emissionshandel managen. Diese werden beispielsweise dafür vergeben, dass Grubengas in chinesischen Kohlenminen aufgefangen wird oder in Brasilien alte Kühlschränke entsorgt werden. Konto nutzen, sie kosten derzeit rund zwölf Euro, sind also gut zwei Euro billiger als herkömmliche Verschmutzungsrechte. den Dächern der Stadt, im 23. Rechte kommt mit einem Kaffeebecher in der Hand zur Tür herein, sie hat wenig zu tun an diesem Montagnachmittag. Am Spotmarkt passiert gar nichts, der Umsatz ist noch anderthalb Stunden vor Handelsschluss gleich null.
Am Terminmarkt, wo Kontrakte für die Lieferung zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft gehandelt werden, gibt es zumindest ein wenig Bewegung. Offensichtlich sind die Unternehmen noch immer gut versorgt mit Zertifikaten, Folge der Konjunkturkrise, die sie unfreiwillig weniger produzieren und emittieren ließ. Alle Erwartungen von Geschäftsführer Maibaum richten sich daher bereits auf die dritte Handelsperiode, wenn sich der Markt um ein Vielfaches vergrößert. Dann kommt Musik rein. Damit aber könnte der Emissionshandel auch zum Dorado für Spekulanten werden, die Wetten auf die Entwicklung der Zertifikatpreise abschließen.
Markt ist bislang relativ klein und wenig reguliert, es existieren keine Positionslimits für Händler, also Begrenzungen, wie viele Kontrakte sie kaufen oder verkaufen dürfen. Mächtige Finanzjongleure könnten die Notierungen nach Belieben bewegen, so die Befürchtung, zum Ärger der Unternehmen, die auf Zertifikate angewiesen sind: Sie müssen sich auf Preissprünge einstellen. Vorstandschef Klaus Harste allen Grund zum Verdruss. Noch mehr zu schaffen macht ihm aber, dass der Emissionshandel auf Europa beschränkt ist. wir brauchen gleiche Spielregeln für alle.
was aber, wenn keine Nachreiter folgen? nur dann aber könnte das System richtig funktionieren. Die Kalkindustrie fürchtet bereits, dass sich die Produktion an die Ränder der EU verlagert, nach Russland und Nordafrika, zu Lasten der hiesigen Standorte. Und die Lufthansa rechnet mit Wettbewerbsnachteilen bei interkontinentalen Flügen über Frankfurt am Main und München, etwa gegenüber der Konkurrenz von Emirates, die das arabische Drehkreuz Dubai nutzt. Ein wahrhaft globaler Emissionshandel könnte allerdings Effekte hervorrufen, die die deutsche Industrie keinesfalls begeistern werden.
Zertifikate weltweit verteilt, dann müsste auch jeder Mensch das gleiche Recht für die Verschmutzung der Atmosphäre bekommen. Dies würde den Volkswirtschaften bevölkerungsreicher Länder wie China oder Indien noch einigen Spielraum eröffnen, Deutschland oder die USA hingegen müssten sich massiv einschränken. Inzwischen ist dazu von ihr nichts mehr zu hören. Im Energiekonzept, das die Bundesregierung im Herbst vorgelegt hat, wird der Emissionshandel nur beiläufig erwähnt. Demnach sollte der Emissionshandel nicht bei den Produkten und den Verbrauchern ansetzen, sondern gleichsam an der Quelle, dort, wo Rohöl, Erdgas oder Kohle in die Volkswirtschaft gelangen.
Dann müsste jeder Raffineriebesitzer, jeder Gaslieferant und jeder Kohleproduzent Zertifikate kaufen, und zwar je nach Kohlenstoffgehalt zu unterschiedlich hohen Preisen. Die Tonne Steinkohle würde nicht bloß 80 Euro kosten, sondern ein Vielfaches. oder in alternative Energien zu investieren.
Ein solches Vorgehen hätte den Vorteil, dass es einen Großteil der Emittenten erfasste, das System wäre effizienter und weniger aufwendig. Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken. de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw.
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